Brief an die Aktionäre

Angela Titzrath – Vorstandsvorsitzende (Foto)

Angela TitzrathVorstandsvorsitzende

Sehr geehrte Damen und Herren,

minimale Störungen können zu drastischen, nicht vorhersagbaren Veränderungen führen. Der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien könnte einen Orkan in Texas auslösen, wie der Meteorologe Edward Lorenz Anfang der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts sagte. Wenn mehrere solcher lokalen Störungen zugleich auftreten, dann sind die Folgen noch gravierender. Dann sind, wie derzeit zu erleben, stark nachgefragte Produkte plötzlich nicht innerhalb eines Tages, sondern erst nach Monaten lieferbar. Es sind nicht nur die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie, die zu dem aktuellen Ungleichgewicht in der globalen Warenversorgung geführt haben. Ein havarierter Containerfrachter im Sueskanal, eine arktische Kaltfront, die im US-Bundesstaat Texas die Ölförderung eingeschränkt hat, die massive Verbreitung des Bergkiefernkäfers in den kanadischen Wäldern, wodurch die Holzernte beeinträchtigt wurde, ein Brand in einer japanischen Chipfabrik und Probleme mit der Stromversorgung in China – es hat in diesem Jahr schon viele Flügelschläge von Schmetterlingen gegeben. Nicht nur die Produktion hat unter diesen Ereignissen gelitten, auch die Logistik ist davon betroffen. Wenn in China pandemiebedingt wichtige Ausfuhrhäfen über Wochen geschlossen sind, dann stauen sich binnen kürzester Zeit Hunderte Schiffe und Millionen von Containern werden nicht umgeschlagen.

Weltweit sind Häfen konfrontiert mit immer größer werdenden Schiffen, Preisdruck, Anforderungssteigerungen bei der Effizienz und Konkurrenzdruck. Deshalb sind stabile Kundenbindungen wichtig wie nie zuvor.

Auch im Hamburger Hafen beeinträchtigen die Folgen der gestörten Lieferketten den Betrieb. Fast alle ankommenden Schiffe sind verspätet, und das nicht nur ein paar Tage, sondern manchmal mehrere Wochen. Wir arbeiten auf unseren Anlagen an sieben Tagen der Woche rund um die Uhr unter Hochlast, was Technik und Personal angeht. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter setzen sich dafür ein, dass die Versorgung von Unternehmen und Verbrauchern ungeachtet der Beeinträchtigungen bestmöglich sichergestellt bleibt. Der Hamburger Hafen ist ein wichtiger logistischer Knotenpunkt, insbesondere auf der Route zwischen Europa und Asien. Vor allem der Anteil von Waren und Gütern, die aus China kommend umgeschlagen werden, nimmt weiter zu und liegt inzwischen bei rund 37 Prozent des Gesamtaufkommens. Angesichts dieser Entwicklung ist es nur konsequent, die strategische Kooperation mit einem der weltweit größten Player in der Logistikwirtschaft, dem chinesischen Unternehmen Cosco, auf eine neue Ebene zu heben. Sofern die Genehmigung der zuständigen Bundesbehörden vorliegt, erhält die Cosco Shipping Port Limited (CSPL) einen Minderheitsanteil von 35 Prozent am HHLA Container Terminal Tollerort (CTT). Die entsprechende Vereinbarung dazu wurde von beiden Parteien im September unterzeichnet.

Wir freuen uns, die seit fast 40 Jahren bestehende Geschäftsbeziehung mit einem unserer wichtigsten Kunden auf diese Weise zu vertiefen. Dieser Schritt ist angesichts der massiven Veränderungen notwendig, denen logistische Wertschöpfungsketten heute unterliegen. Weltweit sind Häfen mit immer größer werdenden Schiffen, Preisdruck, Anforderungssteigerungen bei der Effizienz und einem wachsenden regionalen und überregionalen Konkurrenzdruck konfrontiert. Wichtig wie nie zuvor sind deshalb stabile Kundenbindungen. Durch die Vereinbarung mit CSPL wird der CTT zu einem sogenannten „Preferred Hub“ in Europa, also einem bevorzugten Umschlagpunkt von Cosco, wo Ladungsströme konzentriert werden. Auslastung und Beschäftigung werden so am Tollerort gesichert.

Nicht nur wegen der weiter wachsenden Anläufe aus China hat sich die HHLA im laufenden Geschäftsjahr erfolgreich entwickelt. Die anhaltenden Störungen der globalen Lieferketten mit massiven Schiffsverspätungen führen entgegen unserer ursprünglichen Annahme auch im zweiten Halbjahr 2021 zu temporär deutlich erhöhten Lagergelderlösen als Folge längerer Verweildauern von Containern auf den Hamburger Terminals der HHLA. Unsere Umsatz- und Gewinnerwartung für das laufende Jahr haben wir vor diesem Hintergrund angehoben. Es sollte jedoch nicht übersehen werden, welche Anstrengungen wir unternehmen und welchen Aufwand wir angesichts herausfordernder Umstände betreiben müssen. Dabei sind wir uns jederzeit unserer Verantwortung als Dienstleister der Industrienation Deutschland bewusst.

Ihre

Angela Titzrath – Vorstandsvorsitzende (Unterschrift)

Angela Titzrath
Vorstandsvorsitzende